Kategorie: Geschichten


Jemand räuspert sich hinter ihm. Lächelnd dreht sich Etienne um und blickt hinunter auf eine zierliche alte Dame, deren weiße Löckchen keck unter einer dunklen Strickmütze hervorschauen.  Ihre Wangen sind mädchenhaft gerötet von der Kälte, ihre Augen wässrig blau. Etienne schätzt sie auf Anfang siebzig.
  “Verzeihen Sie, junger Mann, ich suche ein Buch, dass ich meiner Enkelin vorlesen kann.  Sie ist letzten Monat fünf Jahre alt geworden.” Etienne grinst. Er findet diese alte Dame auf Anhieb sympathisch. Sie gefällt ihm. Offensichtlicher Weise missbilligt sie das Auftreten der jüngeren Frau von eben.
  “Sehen Sie, gnädige Frau, da weiß ich etwas ganz Wunderbares für Sie. Kommen Sie. Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?” Galant spatziert Etienne mit ihr die paar Meter bis zum Regal, wo dieses bestimmte Buch steht.
  “Es ist, wenn ich so sagen darf, ein Kleinod der Kinderliteratur. Ich selbst lese es heute noch gern. Es ist, meine ich, eines der besten Bücher, die je geschrieben wurden, für Kinder wie für Erwachsene. Aber sehen Sie”, er greift mit der freien Hand danach, nimmt es aus dem altmodischen Holzregal, eine Mischung aus Jugendstil und Bauernmöbel. “hier ist es schon. Kenneth Grahams “Der Wind in den Weiden”. Wärmstens zu empfehlen.” Ein Strahlen breitet sich auf dem verrunzelten Gesichtchen der alten Frau aus.
  “Das gibt es noch? Das gibt es wirklich noch? Oh, wie schön. Dieses Buch habe ich als Kind gelesen. Oh, wie habe ich sie geliebt, diese kleinen Leute! Wen mögen sie am liebsten?” Etienne, dessen Gesicht ihr Strahlen spiegelt, mit gleicher Intensität, sagt warm:
  “Maulwurf. Ich mag den Maulwurf am liebsten. ”
  “Ich auch. Aber Ratterich und Dachs sind auch fantastisch.”
  “Aber ja! Natürlich sind sie das! Aber der Maulfwurf übertrifft sie, denke ich. Vom Kröterich gar nicht zu sprechen.”
  “Ach ja, der Kröterich…”
  “Und sehen Sie, es gibt hier noch Fortsetzungen, von William Horwood. Die sind auch ganz hervorragend, wirklich.”
  “Nun, für’s erste nehme ich das hier mit.”, resolut nimmt sie ihm das Buch aus der Hand.
  “Selbstverständlich. Kommen Sie, ich bringe Sie zur Kasse.”

  “So!”, sagt Eule energisch und schließt die Tür hinter sich. Das Schloss schnappt ein, Eule und Etienne stehen im Hinterhof des Café Freiheit.
  “Das wäre geschafft. Hey, ich hatte da vorhine eine Kundin, ne? Also, die war echt hart. Hat “Mama Muh fährt Schlitten” gekauft und es einpacken lassen. Ich, der 1a-Mitarbeiter, fragte natürlich: “Für wen soll ich draufschreiben?”  Und sie starrte mich an,  als hätte ich sie gefragt, wer der derzeitige Herrscher von Tadschikistan ist. Verrückt! Solche Leute hasse ich einfach.
Gehst du zur U-Bahn?”
  “Ja.”, nickt Etienne. “Komm, lass uns gehen.” Sie verlassen den Hof, gehen wieder nach vorn, auf die Straße. Das Café liegt still und verlassen da, die Fenster sind dunkel. Etienne und Eule sind die Letzten. Etienne hat mit eigener Hand das “Geschlossen – Frohes Fest und ein gesundes neues Jahr wünscht die Belegschaft des Café Freiheit”-Schild in die Tür gehängt. Plötzlich wird ihm bewusst, dass er mit seiner Arbeit von Grund auf zufrieden ist.
  “Was machst du heute eigentlich noch, Eule?”, fragt er, als sie sich abwenden und die Straße hinuntergehen. Eule antwortet nicht. Prüfend schaut Etienne ihn an: Eule in seiner kurzen grauen Jacke mit den aufgesetzten Taschen, die Hände in den Taschen der braunen Kordhose, die Teil der Arbeitskleidung im Café Freiheit ist, hält den Kopf gesenkt. Seine dunklen Haare fallen ihm ins schmale Gesicht. Er trägt keinen Schal, keine Handschuhe. Der Gurt seiner Tasche markiert eine Kerbe in seiner Jacke, zieht sich über seine Brust wie eine riesige schwarze Narbe. Ein eisiger Wind heult plötzlich zwischen den Häusern hindurch, macht sie frösteln.
  “Eule.  Antworte.”, sagt der Franzose sanft. Eule blickt auf, wundert sich wieder, dass sich in Etiennes Sprache so gar kein Akzent zeigt. Nicht der kleinste Hinweis darauf, dass er wirklich aus Frankreich kommt.
  “Etienne… Na okay, ich erzähl’s dir einfach. Ich werde meine Großmutter im Altenheim besuchen, nur für ein Dreiviertelstündchenh, mehr Zeit geben sie mir nicht mit ihr, die Schweine.  Sie ist dement, mehr Zeit würde sie überanstrengen, sagen die Ärzte. Meine Eltern verachten den “Weihnachtskommerzschwindel”, wie sie es nennen. Sie sind auf die Kanaren geflogen. Deshalb werd ich niemanden treffen, sondern Rotwein trinken und mir glückliche Familien im Fernsehen ansehen.”, er sieht auf zu Etienne, denn der ist ein Stückchen größer als er. “Zieh nicht so ein Gesicht, Etienne. Freu dich, es ist Weihnachten und heute Abend hälst du deine Schwestern im Arm.” Eine Weile gehen sie einfach schweigend, ihre Schritte knirschen gleichmäßig im Schnee. Sie nehmen Notiz von den Menschen, die an ihnen vorbeieilen, aber sie bachten sie nicht. 
  “Hör mal…”, beginnt Etienne, kurz bevor die Stelle kommt, an der sie in die U-Bahn hinuntersteigen müssen, aber Eule unterbricht ihn:
  “Hör auf. Ich weiß, was jetzt kommt. “Willst du mit mir kommen?” Geigenklänge, Engelschöre, Friede, Freude, Eierkuchen. Der Geist von Weihnachten, huhu. Das meinst du doch gar nicht ernst. Das willst du doch gar nicht. So. Jetzt wirst du peinlich berührt zugeben, dass das gar nicht das war, was du mich fragen wolltest. Also, schieß los.”, er lacht bitter. Etienne sieht ihn mit großen runden Augen an, Augen, aus denen Verletztheit spricht. Er sagt nichts, zieht nur die Brauen ein klein wenig ärgerlich zusammen. Er ist gekränkt, erkennt Eule ganz plötzlich.
  “Das… das war es, was du sagen wolltest, im Ernst?” Etienne zieht einen Schmollmund.
  “Was glaubst du denn, hätte ich sonst gefragt, hä? Eule – Martin, du bist mein Freund! Wenn du so eine Geschichte auspackst, glaubst du, das lässt mich kalt? Außerdem sagt Maman immer: “An Weihnachten allein zu sein, ist das schlimmste, wo gibt.” Eule muss lachen. Der Franzose grinst. “Frei übersetzt. Sie sagt das wirklich so. Und meine Eltern sind der Meinung, dass man nie genug Gäste haben kann. Meine Mutter kocht gar nicht, meine Großmutter dafür immer zu viel.”
  “Ich kann fast gar kein Französisch.”, wirft Eule ein. Spöttisch hebt Etienne die Brauen und Mundwinkel.
  “Sie sind Akademiker, samt und sonders. Selbst Mamie kann ein paar Brocken dieses und jenes. Außerdem lebe ich hier. Das Einzige, womit du klarkommen müsstest, ist, dass ich ein sehr anstrengender Reisegefährte sein kann. Ach ja, und wir sind eine sehr laute Familie. ” Er packt Eule bei den Schultern, sein Blick ist bohrend, aber gleichzeitig spürt Eule, dass Etienne es gut mit ihm meint, dass er sich Sorgen macht und dass er unbedingt will, dass er mit ihm geht.
  “Bitte.” Eule schluckt.
  “Kann ich meine Großmutter besuchen?”, flüstert er erstickt.
  “Klar.”, Etienne lächelt warm. “Der Zug fährt um sechs. Ich besorg dir ein Ticket.”

Vornweg würde ich gern sagen: Ich bin sonst nicht der Typ Mädchen, der Weihnachten mit viel Flitterkram begrüßt. Ich mag Weihnachstlieder. Ich bin der Meinung, dass man vor Totensonntag aber keine singen sollte und auch keinen Weihnachtskram auspacken. Aber Etienne schafft’s immer wieder…

 

  “Fröhliche Weihnachten!”, Eteinne strahlt, die kasse klinelt. Heiligabend ist da, hat sich purdig weiß herangeschlichen und alle Welt braucht in letzter Minute noch ein Geschenk. Es geht hoch her im Buchcafé Freiheit.
  “Gib mir doch bitte mal das Geschenkband.”, Eule klingt gestresst. Die Stammkunden – die Nachzügler, alle Jahre wieder die selben – wolle alle, dass er ihre Geschenke einpackt: Darin ist er Meister. “Danke. Sag, Etienne, was machst du heute noch so?” Etienne lächelt. Er ist glücklich, denn es ist Weihnachten.
  “Ich fahre nach Lilles, zu meinen Eltern. In Frankreich  geht es ja erst morgen richtig los mit Weihnachten.”
  “Stimmt ja, du bist ja Franzose! Hatte ich ganz vergessen. Hach, dann gibt es bestimmt unglaublich gute Sachen zu essen.”, seufzt Eule verzückt. Etienne scannt die Gesamtausgabe von C.S. Lewis’ Chroniken von Narnia und lacht. Er hat eine äußerst angenehme Stimme.
  “Ja! Meine mamie, meine Großmamá kocht für uns. wir fahren alle gemeinsam zu ihr, meine Eltern, meine Schwestern und ich. Sie wohnt auf den Land. So. Fröhliche Weihnachten!”, er reicht eine große Papiertüte mit dem Aufdruck FREIHEIT! über die Theke. Der weiße Tag draußen strahlt durch das Fenster hinter ihnen, weißes Licht tanzt über seine rötlichen Locken.
  “Etienne!”, ruft Mina, die kellnerin herüber, die frisch gestärkte weiße Schürze leuchtend wie Phosphor, das Tablett unterm Arm. “Kannst du kurz hoch in die Küche? Der Baumkuchen ist aus!”
  “Klar doch.”, lächelt er zurück, winkt die Aushilfe herüber und läuft los in den zweiten Stock. An Tagen wie diesen, wenn es besonders hoch hergeht, ist mit Sarah, der Köchin und Konditorin, nicht zu spaßen. Aber Etienne ist ihr Liebling und macht sich deshalb keine großen Gedanken.
  “Sarah! Ma chére, gibt’s noch Baumkuchen?”
  “Etienne!”, stöhnt sie, als sie ihn sieht. Die Küche ist nicht so sehr groß, aber es ist ziemlich heiß darin. “Ja, ja, es ist noch was da. Wer bin ich, dass ich an Heiligabend nicht genug Baumkuchen mache, hm? Gott, so viel Arbeit immer und das für diesen Hungerlohn!”, empört sie sich, richtet den großen Kuchen – Baumstumpf – er wirkt täuschend echt – auf einer Platte an und reicht sie Etienne. Der lacht nur. Er weiß, dass Sarah nicht schlecht verdient, aber er weiß auch, dass sie gern lamentiert. Beschwingt tritt er den Rückweg an, ein englisches Weihnachtslied auf den Lippen. Bei seiner Ankunft am Café-Tresen geht ein leuchten der Vorfreude über die Gesichter der wartenden Kunden. Er wird mit großem Hallo und viel Aufhebens von den Kellnerinnen begrüßt. Kaum hat er seinen Kuchen abgeliefert, wird er auch schon wieder angesprochen, von einer jungen Frau diesmal.
  “Entschuldigen Sie… ich suche ein buch für ein Kind… Können Sie mir vielleicht helfen?”
  “Aber selbstverständlich.k Kommen Sie, die Kinderbücher sind im ersten Stock. Wie alt ist das Kind denn?” Sie wirkt zerstreut, runzelt die Stirn, fährt sich durch die kastanienfarbene Mähne. Es sieht so aus, als wäre sie wirklich erst in allerletzter Sekunde losgegangen, denn sie ist sehr festlich gekleidet: Unter ihrem Mantel scheint sie ein Kleid oder einen Rock zu tragen, der Saum blitzt kess hervor. Ihre Beine stecken in edel gemusterten Strumpfhosen und hochhackigen Pumps von Chanel.
  “Ja… also, ich glaube, sie wird jetzt sechs…”
  “Geht sie schon in die Schule?”
  “Nein, noch nicht.”
  “Gut, dann also etwas zum Vorlesen.  Ein Bilderbuch vielleicht? Hier, Petterson und Findus, die sind fantastisch.”
 ”Hm, also ich weiß nicht… sie hat davon schon so viele…”
  “Ah, ich verstehe. Dann gäbe es da noch Mama Muh. Vom selben Autor. Für diese Jahreszeit kommt natürlich nur “Mama Muh fährt Schlitten” in Frage.”, er zieht das Buch aus dem Regal und präsentiert es ihr wie ein wertvolles Schmuckstück. Die junge Frau ist erleichtert.
  “Kann ich das auch einpacken lassen?”
  “Natürlich.”, antwortet Etienne lächelnd und überreicht es ihr feierlich. Sie zieht damit ab, zufrieden mit sich und der Welt und Etienne stellt sich mit einem grinsen vor, wie Eule sie fragen wird:
  “Und für wen soll ich draufschreiben?”, und sie antwortet: “Äh, also ich glaube, sie heißt… Lassen Sie mal, ich mach das schon selbst.”

Ein Stern werden

Du läufst. Es ist dunkel. Dunkel und kalt. Dein Atem steht als weißer Dampf vor deinem Gesicht. Über dir schimmern die Sterne, kalt und klein, hart und funkelnd wie Diamanten. Du setzt einfach nur einen Fuß vor den anderen. Ziellos läufst du weiter durch die Dunkelheit. Straßenlaternen malen helle Teiche auf das Pflaster, aber sie stehen weit auseinander und die Dunkelheit schließt sie ein wie ein samtiges Tuch.
In einer dieser Falten aus Nacht findest du das Mädchen.
„Hallo.“, sagt eine helle Stimme aus den Schatten, erschrocken blickst du auf – und da steht sie. Ihre Augen spiegeln dein Bild.
„Darf ich dich ein Stück begleiten?“, fragt sie. Du nickst. Sie greift nach deiner Hand und du lässt es zu, dass sie sie nimmt. Unter der nächsten Laterne kannst du ihr Gesicht erkennen, das grünlich schimmert im Schein der Quecksilberdampflampe. Sie ist schön, ihre Wangen bedeckt von großen Sommersprossen, mit einer geraden Nase und einem vollen Mund. Ihre Haare sind rot, wie rot genau kannst du nicht sehen, denn das weiß – grünliche Licht bleicht die Farbe aus allen Dingen, auch aus lebendigen, wie dir und ihr.
„Wie ist dein Name?“, fragt sie dich und du sagst es ihr.
„Ansgar.“, wiederholt sie. „Ein schöner Name.“
Du fragst sie nicht nach ihrem, denn irgendwie hast du das Gefühl, dass du es nicht darfst. Schweigend geht ihr weiter, ziellos wie vorher. Ihre Hand ist kleiner als deine und warm. Sie hat die Finger zwischen deine geschoben, als wärt ihr ein Liebespaar. Aber sie geht wie jemand, dem sein Leben nicht mehr viel gilt, und das stimmt dich traurig. Du hast das Gefühl, das heute noch, in den wenigen Stunden, die das Heute noch als dieser eine Tage verbringen darf, etwas Endgültiges mit ihr geschehen wird und unwillkürlich fasst du ihre Hand fester. Unwillkürlich fürchtest du um sie. Obwohl du sie gar nicht kennst.
Sie schaut zu dir auf und lächelt und das Lächeln trifft dich mitten ins Herz. So, dass du weinen möchtest, aber du zwingst dich, auch zu lächeln, denn du weißt: Es ist deine heilige Pflicht, ihr dies mit auf den Weg zu geben.
„Vielen Dank.“, sagt sie jetzt nämlich, löst ihre Hand aus deinem Griff und sieht dich ein letztes Mal an.
„Ich heiße Stella. Ich möchte, dass du das weißt, Ansgar. Leb wohl.“, damit geht sie. Du rufst ihr nach, wohin sie denn nur gehe?, und sie antwortet, im um die Ecke biegen und ohne sich umzusehen: „Ein Stern werden.“
Dann ist sie weg, und du läufst ihr nach und suchst und  suchst bis zum Morgen, denn du weißt: Ein Stern werden heißt sterben.

Vanille

Vanille erwachte als Erster. Die Sonne schien warm durch die hohen Altbaufenster, hüllte alles in malerisches Licht. Träge setzte Vanille sich auf, stützte die Arme auf die Knie. Sein Blick fiel auf das weiche Knäuel seiner Kleider am Boden, direkt daneben Bens schlafende Hand. Die Katze erschien neben dem Sofa, starrte ihn einen Moment lang an – verblüfft, so hatte er zumindest den Eindruck – und sprang zu ihm hinauf. Es war eine kleine schwarze Katze mit ein paar weißen Haaren auf der Brust, wie aus einem Comic, und sie hatte grüne Augen. Vanille streichelte sie schlaftrunken.
„Salome.“, sagte er leise. „Salome, wo hab ich nur meine Tasche hin?“, er flüsterte fast, um die anderen nicht zu wecken.
„Hoffentlich liegt Ben nicht drauf.“, das sprach er aber nicht aus, denn in diesem Moment drehte sich der Schlafende um, die Stirn gerunzelt. Vanille lächelte über seinen ernsten Gesichtsausdruck und schwang die Beine vom Sofa. Die Katze galoppierte beleidigt davon. Bens hellbraune Haare hatten sich fächerförmig über sein Kissen ausgebreitet; irgendwann nachts musste er seinen Haargummi verloren haben. Leise zog Vanille sich an. Er fand sein Hemd, seine Hose und seine Socken auf dem Haufen neben dem Sofa, auf dem er geschlafen hatte. Seine Weste erspähte er auf der Tatami neben der Zimmerpalme, ließ sie aber, wo sie war. Auch seine Tasche – sie lag beim Bücherregal neben der Tür – ließ er liegen, nahm nur Geldbeutel und Päckchen heraus. Die leeren Bierflaschen beobachteten ihn schweigend. Im Flur trat er auf Bens Haargummi. Tiat und Maara, Tom und Henrik, alle schliefen noch: kein Laut drang aus den übrigen Zimmern.
Vanille kämmte sich mit den Fingern die Haare, um sie anschließend mit seinem eigenen Haargummi, der in der Nacht rote Linien auf sein Handgelenk gemalt hatte, zusammenzubinden. Die Augen unter seinen schneeweißen Brauen, dem schneeweißen Pony, blickten ihm müde und rot gerändert, aber irgendwie zufrieden aus dem Spiegel entgegen. Er lächelte sich selbst zu und machte das Bad frei für die Katze.
Leise schlüpfte er in seine Schuhe, in seinen Mantel, steckte Geldbeutel und das Päckchen mit der Schusswaffe in die Taschen. Dann nahm er den Stift, der immer neben dem Telefon lag und schrieb auf den  dazugehörigen Block: BIN BRÖTCHEN HOLEN! VANILLE XX
Einen Moment lang irritierte ihn das Türschloss, wie immer, bevor er sich besann, dass er den Hebel an der Seite ziehen musste, schließlich gab es keinen Türgriff. Er zog die Tür behutsam hinter sich ins Schloss und ging langsam die Treppe hinunter. Draußen beherrschte eine erfrischende Kälte die Stadt.
Zielstrebig wandte er sich nach links, überquerte die Straße und lief in gleichmäßigem Tempo weiter. Es war noch relativ früh, und deshalb still in den Nebenstraßen. Der Rhythmus seiner Schritte trug ihn an dem kleinen Kommunistenladen an der Ecke der Kreuzung vorbei. Wie gut, dass es hier in der Nähe keine Bäckerei gab! Man musste schon mindestens fünfzehn Minuten laufen.
Vanille lächelte leise in sich hinein: Es war schön, ganz normale Freunde zu haben, Freunde, die sich Sorgen machen würden, wenn er zu lange wegblieb. Er selbst machte sich keine Sorgen. Tom würde die übrigen beruhigen. So sie denn alle erstmal aufwachten und mitkriegten, dass, er nicht mehr da war. Vanille ging lächelnd weiter, den Weg hinauf zur Burg.

In dem Starbuck’s an der Brücke warum diese Uhrzeit noch nicht viel los.  Es war leicht, die blonde Frau in dem hellen Trenchcoat zu finden, die an einem der hinteren Tische saß, von wo aus sie alles beobachten konnte. Vanille grinste.
„Der Runner – Platz, hm?“, meinte er zu sich selbst (er konnte der Versuchung, es auszusprechen, nicht widerstehen) und holte sich erstmal einen Kaffee. Dann setzte er sich zu ihr. Ihre strahlend blauen Augen musterten ihn aufmerksam. Ihr Gesicht hatte einen slawischen Touch, vor allem die Jochbeine, und die Art, wie sie ihren Pferdeschwanz trug, ließ die unverkennbare Ähnlichkeit zu ihrem Zwillingsbruder noch stärker hervortreten. Sie erinnerte ihn schrecklich an ihren Bruder, wie immer. Sie war eine Stammkundin.
„Konichiwa!“, sagte sie. Vanille hob die Augenbrauen, meinte aber trotzdem:
„Guten Morgen, Nine Lives.“
„Du bist spät dran, Chummer.“ Oho. Sie hatte das mit dem Runner – Platz anscheinend gehört. Er lächelte. Es war ein Spiel, das sie beide zu spielen pflegten.
„Hast du mein Schätzchen wieder hingekriegt?“ Er lächelte weiter, nahm einen Schluck Kaffee.
„Natürlich. Ich bin schließlich der Beste.“
„So desu ka?“ Sie erntete einen genervten Blick, lachte.
„Sorry. Ich lerne gerade ein wenig Japanisch, um besser auf Fuchsjagd gehen zu können.“
„Fuchsjagd?“, echote Vanille und runzelte die Stirn.
„Kitsune. Fuchsgötter aus Japan. Sie kommen mit diesem ganzen Manga – Mist aus dem Osten.“
„Hmm…“, machte Vanille und trank mehr Kaffee.
„Also, jetzt mal ernsthaft: Ist sie wieder in Ordnung? Bist du mit ihr zurechtgekommen?“
„Nine Lives. Du weißt, dass ich jede Schusswaffe reparieren kann, egal was für eine. Ich. Bin. Der. Beste. Das weißt du ganz genau. Ansonsten wärst du nicht den ganzen weiten Weg hierher gekommen. Du musst nicht nervös sein. Hier, siehst du, sie ist heil.“, mit diesen Worten zog er das Päckchen aus der Manteltasche. Bevor er „Nine Lives Firemaiden“ sagen konnte, hatte die Blonde es ausgewickelt.
„He!“, er besann sich, senkte die Stimme. „Hier sind überall Kameras! Man wird uns als Terroristen festnehmen!“ Die strahlend blauen Augen konzentrierten ihren nadelspitzen Blick auf ihn.
„Ich bin und bleibe eine Exorzistin. Ich kann immer noch dafür sorgen, dass sie von Normalos nicht gesehen wird!“, meinte sie scharf und Vanille zog den Kopf ein, murmelte eine Entschuldigung.
„Außerdem bist du zu spät!“
„Sorry, sorry. Ich bin von Tom aus her gelaufen. Ist etwas später geworden gestern.“
„Tom? Thomas Liebe? Der Magier?“
„Mhm.“
Ihre schlanken Finger strichen über die Waffe. Vanille schmunzelte.
„Eine Double Action Firemaiden, Modell Nine Lives. Die sind selten geworden, heutzutage. Aber sie wurde hübsch aufgerüstet.“, er zog eine Schnute.
„Und“, sagte er dann säuerlich mit hochgezogenen Augenbrauen. „du hast dir ganz schön Mühe gegeben, sie zu schrotten!“ Nine Lives tat so, als höre sie ihn nicht.
„Nine Lives!“ Eindringlich beugte er sich vor. „Zwei fingerbreite, einen halben Zentimeter tiefe Schrammen am Lauf, das Chrom vollkommen zerkratzt, der Hahn abgebrochen und der Abzug völlig demoliert! Nine Lives, wie um Himmels Willen hast du das denn nur angestellt?!“ Sie starrte auf den Tisch, ihren Kaffee, den Boden, die Decke. Schließlich sah sie ihn an. Dann spuckte sie ihm einen Wortschwall vor die Füße, von dem er nur „Drache“, „dummer Bruder“, „Branntwein“ und „Schweißgerät“ verstand. Vanille rollte entnervt die Augen himmelwärts. Sie grinste.
„Schon gut, schon gut. Berufsgeheimnis, was Chummer?“
„Du sagst es. Hey, wie spät ist es?“ Er sagte es ihr. „Ah, gut. Diese Comicgeschäfte und ihre Öffnungszeiten! Ich habe versprochen, meinem dummen Bruder eine Actionfigur und einen Comic mitzubringen.“, seufzte sie, während sie die schwere schwarze Waffe mit den Chrombeschlägen in ein Halfter unter ihrem Mantel steckte.
„Was für welche?“, fragte Vanille ohne nachzudenken. Einen Moment lang blickte sie ihn wieder misstrauisch an. Dann zog sie einen zerknitterten Zettel aus der Manteltasche.
„Er hat es mir aufgeschrieben. Ich kenn mich mit diesem ganzen Zeugskram ja gar nicht aus. Also.“, sie räusperte sich. „Edward Elric aus Fullmetal Alchemist und Coraline Band eins.“
„Oh! Ed! Der ist klasse!“ In gelinden Spott gehüllt stand sie auf, sah einen Moment auf ihn herab, bis sie ihm die Hand reichte und ihn hochzog.
„Wenn du das sagst.“ Sie verließen Starbuck’s, standen einen Moment blinzelnd im strahlenden Licht.
„Was machst du jetzt noch, Vanille?“, fragte Nine Lives. Vanille lächelte beinahe verträumt.
„Ich werd jetzt erst mal Brötchen kaufen und dann gehe ich zurück zu meinen Freunden. Die schlafen bestimmt noch!“ Sie lachten. Nine Lives umarmte Vanille zum Abschied und der küsste sie auf die Stirn – er war größter als sie -  und sagte:

„Grüß deinen Bruder von mir. Und richte ihm bitte aus, dass meiner Meinung nach Ed der beste ist.“
„Ich dachte, das bist du!“, kicherte die Blonde und versetzte ihm einen Klaps. Lachend gingen sie auseinander, der junge Mann hinauf zur Burg, die junge Frau über die Brücke in die Innenstadt. Vanille genoss die Sonne ohne einen Zweifel im Herzen. Er blickte nicht zurück.

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