Jemand räuspert sich hinter ihm. Lächelnd dreht sich Etienne um und blickt hinunter auf eine zierliche alte Dame, deren weiße Löckchen keck unter einer dunklen Strickmütze hervorschauen. Ihre Wangen sind mädchenhaft gerötet von der Kälte, ihre Augen wässrig blau. Etienne schätzt sie auf Anfang siebzig.
“Verzeihen Sie, junger Mann, ich suche ein Buch, dass ich meiner Enkelin vorlesen kann. Sie ist letzten Monat fünf Jahre alt geworden.” Etienne grinst. Er findet diese alte Dame auf Anhieb sympathisch. Sie gefällt ihm. Offensichtlicher Weise missbilligt sie das Auftreten der jüngeren Frau von eben.
“Sehen Sie, gnädige Frau, da weiß ich etwas ganz Wunderbares für Sie. Kommen Sie. Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?” Galant spatziert Etienne mit ihr die paar Meter bis zum Regal, wo dieses bestimmte Buch steht.
“Es ist, wenn ich so sagen darf, ein Kleinod der Kinderliteratur. Ich selbst lese es heute noch gern. Es ist, meine ich, eines der besten Bücher, die je geschrieben wurden, für Kinder wie für Erwachsene. Aber sehen Sie”, er greift mit der freien Hand danach, nimmt es aus dem altmodischen Holzregal, eine Mischung aus Jugendstil und Bauernmöbel. “hier ist es schon. Kenneth Grahams “Der Wind in den Weiden”. Wärmstens zu empfehlen.” Ein Strahlen breitet sich auf dem verrunzelten Gesichtchen der alten Frau aus.
“Das gibt es noch? Das gibt es wirklich noch? Oh, wie schön. Dieses Buch habe ich als Kind gelesen. Oh, wie habe ich sie geliebt, diese kleinen Leute! Wen mögen sie am liebsten?” Etienne, dessen Gesicht ihr Strahlen spiegelt, mit gleicher Intensität, sagt warm:
“Maulwurf. Ich mag den Maulwurf am liebsten. ”
“Ich auch. Aber Ratterich und Dachs sind auch fantastisch.”
“Aber ja! Natürlich sind sie das! Aber der Maulfwurf übertrifft sie, denke ich. Vom Kröterich gar nicht zu sprechen.”
“Ach ja, der Kröterich…”
“Und sehen Sie, es gibt hier noch Fortsetzungen, von William Horwood. Die sind auch ganz hervorragend, wirklich.”
“Nun, für’s erste nehme ich das hier mit.”, resolut nimmt sie ihm das Buch aus der Hand.
“Selbstverständlich. Kommen Sie, ich bringe Sie zur Kasse.”
“So!”, sagt Eule energisch und schließt die Tür hinter sich. Das Schloss schnappt ein, Eule und Etienne stehen im Hinterhof des Café Freiheit.
“Das wäre geschafft. Hey, ich hatte da vorhine eine Kundin, ne? Also, die war echt hart. Hat “Mama Muh fährt Schlitten” gekauft und es einpacken lassen. Ich, der 1a-Mitarbeiter, fragte natürlich: “Für wen soll ich draufschreiben?” Und sie starrte mich an, als hätte ich sie gefragt, wer der derzeitige Herrscher von Tadschikistan ist. Verrückt! Solche Leute hasse ich einfach.
Gehst du zur U-Bahn?”
“Ja.”, nickt Etienne. “Komm, lass uns gehen.” Sie verlassen den Hof, gehen wieder nach vorn, auf die Straße. Das Café liegt still und verlassen da, die Fenster sind dunkel. Etienne und Eule sind die Letzten. Etienne hat mit eigener Hand das “Geschlossen – Frohes Fest und ein gesundes neues Jahr wünscht die Belegschaft des Café Freiheit”-Schild in die Tür gehängt. Plötzlich wird ihm bewusst, dass er mit seiner Arbeit von Grund auf zufrieden ist.
“Was machst du heute eigentlich noch, Eule?”, fragt er, als sie sich abwenden und die Straße hinuntergehen. Eule antwortet nicht. Prüfend schaut Etienne ihn an: Eule in seiner kurzen grauen Jacke mit den aufgesetzten Taschen, die Hände in den Taschen der braunen Kordhose, die Teil der Arbeitskleidung im Café Freiheit ist, hält den Kopf gesenkt. Seine dunklen Haare fallen ihm ins schmale Gesicht. Er trägt keinen Schal, keine Handschuhe. Der Gurt seiner Tasche markiert eine Kerbe in seiner Jacke, zieht sich über seine Brust wie eine riesige schwarze Narbe. Ein eisiger Wind heult plötzlich zwischen den Häusern hindurch, macht sie frösteln.
“Eule. Antworte.”, sagt der Franzose sanft. Eule blickt auf, wundert sich wieder, dass sich in Etiennes Sprache so gar kein Akzent zeigt. Nicht der kleinste Hinweis darauf, dass er wirklich aus Frankreich kommt.
“Etienne… Na okay, ich erzähl’s dir einfach. Ich werde meine Großmutter im Altenheim besuchen, nur für ein Dreiviertelstündchenh, mehr Zeit geben sie mir nicht mit ihr, die Schweine. Sie ist dement, mehr Zeit würde sie überanstrengen, sagen die Ärzte. Meine Eltern verachten den “Weihnachtskommerzschwindel”, wie sie es nennen. Sie sind auf die Kanaren geflogen. Deshalb werd ich niemanden treffen, sondern Rotwein trinken und mir glückliche Familien im Fernsehen ansehen.”, er sieht auf zu Etienne, denn der ist ein Stückchen größer als er. “Zieh nicht so ein Gesicht, Etienne. Freu dich, es ist Weihnachten und heute Abend hälst du deine Schwestern im Arm.” Eine Weile gehen sie einfach schweigend, ihre Schritte knirschen gleichmäßig im Schnee. Sie nehmen Notiz von den Menschen, die an ihnen vorbeieilen, aber sie bachten sie nicht.
“Hör mal…”, beginnt Etienne, kurz bevor die Stelle kommt, an der sie in die U-Bahn hinuntersteigen müssen, aber Eule unterbricht ihn:
“Hör auf. Ich weiß, was jetzt kommt. “Willst du mit mir kommen?” Geigenklänge, Engelschöre, Friede, Freude, Eierkuchen. Der Geist von Weihnachten, huhu. Das meinst du doch gar nicht ernst. Das willst du doch gar nicht. So. Jetzt wirst du peinlich berührt zugeben, dass das gar nicht das war, was du mich fragen wolltest. Also, schieß los.”, er lacht bitter. Etienne sieht ihn mit großen runden Augen an, Augen, aus denen Verletztheit spricht. Er sagt nichts, zieht nur die Brauen ein klein wenig ärgerlich zusammen. Er ist gekränkt, erkennt Eule ganz plötzlich.
“Das… das war es, was du sagen wolltest, im Ernst?” Etienne zieht einen Schmollmund.
“Was glaubst du denn, hätte ich sonst gefragt, hä? Eule – Martin, du bist mein Freund! Wenn du so eine Geschichte auspackst, glaubst du, das lässt mich kalt? Außerdem sagt Maman immer: “An Weihnachten allein zu sein, ist das schlimmste, wo gibt.” Eule muss lachen. Der Franzose grinst. “Frei übersetzt. Sie sagt das wirklich so. Und meine Eltern sind der Meinung, dass man nie genug Gäste haben kann. Meine Mutter kocht gar nicht, meine Großmutter dafür immer zu viel.”
“Ich kann fast gar kein Französisch.”, wirft Eule ein. Spöttisch hebt Etienne die Brauen und Mundwinkel.
“Sie sind Akademiker, samt und sonders. Selbst Mamie kann ein paar Brocken dieses und jenes. Außerdem lebe ich hier. Das Einzige, womit du klarkommen müsstest, ist, dass ich ein sehr anstrengender Reisegefährte sein kann. Ach ja, und wir sind eine sehr laute Familie. ” Er packt Eule bei den Schultern, sein Blick ist bohrend, aber gleichzeitig spürt Eule, dass Etienne es gut mit ihm meint, dass er sich Sorgen macht und dass er unbedingt will, dass er mit ihm geht.
“Bitte.” Eule schluckt.
“Kann ich meine Großmutter besuchen?”, flüstert er erstickt.
“Klar.”, Etienne lächelt warm. “Der Zug fährt um sechs. Ich besorg dir ein Ticket.”
