Kategorie: Nachrichten vom Möbiusband


Apostrophe

Weißt du, wir sind schon so lange zusammen, du und ich… fast sechs Jahre sind es jetzt schon.  Obwohl dein Körper aus Leere und Linien besteht, und in deinen Adern Tusche fließt, liebe ich dich mehr als manchen Menschen aus Fleisch und Blut. Du bist mein Kind-Bruder, mein Bruderkind, meine Kopfgeburt. Ich habe mir schon so viele Gedanken um dich gemacht… Und nicht nur Gedanken; nein, ich habe dir Brüder und Schwestern gegeben, Freunde und Geliebte, Verwandte, Haustiere, eine Bleibe, eine Stadt, eine Stellung.

Alles das liegt schon seit Jahren in meinem Herzen, in meinem Kopf, verborgen unter der Schicht aus Alltagsgedanken, Träumen, Vorstellungen, Inspiration und Faulheit. Aber sie wollte mir nicht aus den Fingern fließen, deine Geschichte. Das, was ich zu erzählen hatte, immer noch zu erzählen habe, es wollte sich nicht festhalten lassen. Ich habe ein paar halbherzige Versuche unternommen, ein paar Fragmente zu Papier gebracht. Doch es fehlte an Vollkommenheit.
Diesmal bin ich vielleicht tatsächlich so weit.
Diesmal kann ich sie vielleicht wirklich schreiben. Deine Geschichte.

Warte auf mich.

FSJ

Mein Freiwilliges Soziales Jahr ist vorbei, jetzt schon seit fast drei Wochen. Am Ende kam ich mir richtig komisch vor, so als würde ich einfach in den Urlaub gehen (der Kindergarten hatte Ende August eine Woche zu) und danach wieder kommen und weiter arbeiten.  Ich hatte mich so daran gewöhnt… jetzt werde ich wohl doch im Sommersemester Pädagogik studieren, irgendwas in die Richtung zu machen wäre schon toll. Fürs Wintersemester bin ich zu spät dran, an meiner Uni hat Pädagogik einen internen NC…

Ich kann das FSJ jedenfalls nur empfehlen. Für Leute, die Geld verdienen wollen, bevor sie studieren (oder eine Ausbildung anfangen, ect.) ist es nichts, aber für alle, die ein paar Erfahrungen im “echten Leben” sammeln wollen, ist es toll. Nehmt nur mal mich: Gymnasiastin, Eltern mit Bildung und gutem Einkommen, allerhöchstens mal Ferienjob gemacht. Und dann – zack! – 38 Stunden arbeiten in der Woche, acht Stunden am Tag, vier Tage die Woche. Das ist erst mal ein ganz schöner Schock, das kann ich euch sagen. Da machte ich mir plötzlich Gedanken darüber, was ich studieren will und ob ich das auch acht Stunden am Tag lang machen will.

Ein ganzes Jahr lang… es kommt mir gleichzeitig sehr lang und sehr kurz vor, komisch, nicht? Sehr lang hat es gedauert, bis ich eingearbeitet war und richtig Spaß dran haben konnte.  Sehr kurz erscheint es mir im Rückblick.  So unwahrscheinlich weit weg mir die Abiturzeit auch vorkommt, so ist doch nur ein Jahr vergangen. Ein Jahr, das den Kindern aus meiner Gruppe, falls sie sich denn daran erinnern werden, bestimmt so unheimlich lange vorkommen wird wie mir als Kind ein Jahr vorkam. Als ich ein Kindergartenkind war, kam mir ein Jahr nämlich so unendlich lange vor und der Altersunterschied von einem Jahr so unendlich groß, so ungeheuer signifikant… Ich hoffe, dass sich “meine” Kinder an mich erinnern werden.  Meine eigene Kindergärtnerin würde ich schließlich auch gern mal wieder treffen.

Aber ich habe nicht nur tolle Kinder und Kolleginnen getroffen. Bei den vier Seminaren habe ich sehr unterschiedliche, engagierte junge Menschen getroffen. Ich war fasziniert davon, wie verschieden sie alle waren und wie gut sie sich trotzdem zu einer Gruppe gefügt haben.
Das Freiwillige Soziale Jahr ist eine wirklich gute Sache und obwohl ich nicht nur angenehme Erfahrungen gemacht habe und vor allem am Anfang große Schwierigkeiten hatte, kann ich es weiterempfehlen. Ich bin sehr froh, dass ich es gemacht habe und stolz, dass ich bin ganz zum Schluss durchgehalten habe.

Spielsachen, die dem Kindergarten gehören, erzählen ganz eigene Geschichten. In den meisten Kindergärten gibt es diese Mischung aus Puppenmöbeln, Legosteinen, Bauklötzen, Playmobil, Holztieren, und und und, wobei die Zusammensetzung von Gruppe zu Gruppe variiert: Bei der Entengruppe gibt es mehr Bauklötze, die Spiegelseiten und Plexiglaseinsätze haben. Bei der Möwengruppe gibt es viele Holztiere und Ritterfiguren. Und in der Storchengruppe gibt es mehr Playmobil.

Vor allem das Playmobil trägt seine Geschichten wie ein Kleidungsstück. In der Storchengruppe sind beiden Omas die Opas abhanden gekommen, dafür haben sie mehr ungezogene Enkelkinder als ihnen lieb ist. Der Busfahrer (vielleicht ist er auch ein Zugführer) kommt sich auf dem Bauernhof ein bisschen fehl am Platz vor. Überhaupt ist es ein sehr exotischer Bauernhof: Er hat einen Löwen, eine Giraffe, der ein Ohr fehlt, einen Schimpansen und einen kleinen Elefanten und auf dem Zebra kann man leider nicht reiten. Dafür versteht es sich recht gut mit dem Pferd. Es gibt viele weiße und ein einziges schwarzes Schaf. Dafür gibt es auch nur eine weiße Kuh. Die Bäume sind leider nicht sehr standfest und verlieren schon mal die Kronen. Und die Futtertröge gehören eigentlich zu Lego Duplo.

Das Witzige an Playmobil ist ja, dass alles, was im Kindergarten gelandet ist, so aussieht wie in meiner Kindheit. Okay, einigen Kühen fehlen die Hörner – wobei ich mich immer frage, welche brutalen Kinder das hinbekommen haben, den Playmobil ist ja eigentlich sehr stabil – aber vor allem Schafe, Schweine, Hunde, der Bauer und die Bäume sehen genau aus wie die, die meine Freundin hatte. Meine Schwestern und ich hatten ja kein Playmobil… bis auf einen wenig beachteten Schäfer und seinen drei Schafen und diesem Baum, von dem ich erst neulich gemerkt habe, dass er tatsächlich von Playmobil ist.
Als ich spaßeshalber die Webseite von Playmobil besuchte, habe ich herausgefunden, dass es einige erstaunliche neue Sachen gibt.  (Ich mochte als Kind Playmobil nie so sehr, dass ich es mir gewünscht hätte, aber ich liebte es, die Kataloge und vor allem die Aufbauten in Kaufhäusern anzusehen.)
Playmobil ist mit dem Trend gegangen, wahrscheinlich schon vor einiger Zeit (nur bisher von mir unbemerkt). Es gibt nicht mehr nur den obligatorischen Drachen als Zubehör zur Ritterburg, sondern auch den Drachen mit Reiter und LED-Augen. Für Mädchen gibt es nicht mehr nur Prinzessinen (die gab es schon ziemlich lange), sondern auch Feen, Einhörner, Meerjungfrauen…  der Fantasy-Einschlag ist nicht zu übersehen und erregte besonders meine Aufmerksamkeit.

Aber all diese Dinge haben ihren Weg noch nicht in den Kindergarten gefunden. Das werden sie wahrscheinlich erst, wenn die Kinder, die jetzt damit spielen, größer geworden sind, und ihre Eltern es dem Kindergarten spenden. Bis dahin begnügen wir uns eben mit der Prinzessin ohne Krone aus der Möwengruppe.

Playmobil

Jeden Tag fahre ich am “Playmobil Fun Park” vorbei. Ich mache FSJ in einem Kindergarten unweit von Zirndorf auf dem Land und der Bus fährt jeden Tag daran vorüber.
Früh morgens ist dieser Komplex ganz leer, und man kann hineinsehen. Drinnen arbeiten schon ein paar Leute (das Ding macht erst um neun auf), die, umgeben von schulterhohen Plastikfiguren sich auf den Ansturm der Besucher vorbereiten. Jetzt, während der Ferien scheinen dort viele Menschen hinzuwollen. Ich sehe sie, wenn sie am Nachmittag einsteigen, Erwachsene in der Begleitung von Kindern, die sich an großen Tüten festklammern oder einzelne Playmobil-Teile in der Hand halten.  Die Erwachsenen sind oft etwas gereitzt, als wären sie es nicht gewöhnt, mit dem Bus zu fahren (wahrscheinlich sind sie es auch nicht, haben nur versucht die grässlichen Parkplatzverhältnisse zu umgehen – es ist nachmittags immer alles vollgeparkt). Es gibt sogar ein Hotel, habe ich heute festgestellt. Dieser ganze Aufwand geht mir nicht in den Kopf. Als einziges Resultat des Besuches dieses “Funparks” sehe ich den Kauf riesiger Mengen Playmobil. Warum sollte man an so einem Ort auch noch übernachten wollen? Aber gut, ich habe auch den Reiz von Disneyland nie verstanden. Außerdem finde ich Playmobilfiguren gruselig. Besonders wenn sie größer sind als die normalen fünf oder sechs Zentimeter. Denn die riesenhaften Playmobilfiguren (die, wie ich finde, in 1,20 bis 1,40 m, so genau bin ich mir nicht sicher, irgendwie grotesk aussehen) beschränken sich durchaus nicht auf das Gelände des “Funparks”:  Erst einmal sind da die Wegweiser, an der Straße, die wie ich glaube, eine Bundesstraße ist, aber fragen Sie mich nicht, welche. Sie bestehen aus Schildern, die die Entfernung zum “Funpark” angeben, auf denen eine etwa dreißig Zentimeter große Playmobilfigur angebracht ist. Dann kommen die riesenhaften Playmobilfiguren hinzu, die man überall in der Umgebung in, vor oder neben Geschäften oder Restaurants finden kann. Für mich sind sie immer ein überraschender und surrealer Anblick. Ich habe mich nie mit Playmobil anfreunden können. Als ich ein Kind war, war die einzige Gelegenheit, mit Playmobil zu spielen bei meiner Nachbarin und zugleich besten Freundin. Sie und ihre Schwester hatten viel Playmobil, soweit ich mich erinnere, wir hatten keins. Aber ich kann mich entsinnen, dass ich die Figuren damals schon komisch fand. Hauptsächlich fand ich sie doof, weil sie einen so dümmlichen Gesichtsausdruck hatten und man ihnen nie etwas anderes anziehen konnte.  Das ganze Drumherum war das, was mich an Playmobil immer faszinierte. Ich war schon als Kind versessen auf Kinkerlitzchen und die ganzen Tiere, die es da gab, die Pflanzen und die Einrichtungsgegenstände, das Zubehör war für mich immer interessanter als die eigentlichen Figuren.
Heute arbeite ich in der Krippengruppe, da haben wir zwar die Figuren, schließlich kann man da keine Kleinteile verschlucken, aber eben diese Kleinteile, das, was für mich den Reiz ausmacht,  befinden sich bei den größeren Kindern. Ich kriege sie selten zu Gesicht. Wenn ich sie sehe, muss ich kurz lächeln, denn auf irgendeine Art und Weise fanzinieren sie mich auch heute noch. Fahre ich jedoch am “Playmobil Funpark” vorbei, überkommt mich ein seltsames Gefühl, das fast ein Schaudern ist. Der Reiz an der ganzen Geschichte bleibt mir, wie gesagt, verborgen, was sie extrem abstrakt für mich macht. Ich komme mir beinahe wie ein Alien vor, der eine fremde Kultur entdeckt, und durch ihre merkwürdigen Sitten beinahe unangenehm berührt ist.  Seltsamer Weise berührt mich die Tatsache, dass ich es nicht verstehe, ebenfalls seltsam, als wäre es etwas Essentielles, das alle außer mir instinktiv verstehen.
Aber während ich noch darüber nachdenke – und ich denke oft darüber nach, da ich ja auch oft am corpus delicti vorbeifahre – überquert der Bus die Rednitz. Dort, an einem Bach, der zu schmal ist für Landkarten, der vielleicht auch nur ein Abwasserkanal ist, steht ein Zwischending aus Laube und Baumhaus ohne Baum, wie gemacht für braungebrannte, fröhliche Kinder. Und dieses Häuschen erscheint mir jedesmal interessanter und erstrebenswerter als alles Playmobil.

Pause

Ich mache gerade eine Pause. Eigentlich bin ich dabei, meinen Schreibtisch abzuräumen, denn ich werde nächste Woche anfangen, in der Nähe von Nürnberg im Kindergarten zu arbeiten. Also werde ich umziehen. Diese Woche bin ich zu Hause, um zu packen. Das fühlt sich schon irgendwie komisch an.  Es ist nicht so, als hätte ich mein ganzes bisheriges Leben in diesem Haus, oder in diesem einen Zimmer verbracht, ganz und gar nicht. Und doch… ich werde weggehen. Dies hier wird ein Gästezimmer sein. Mein Leben wird wo anders stattfinden.

Es ist nicht einmal ein trauriges Gefühl. Es ist ein bisschen wehmütig, aber dieses Zimmer hier fühlt sich schon nicht mehr nach “zu Hause” an, nicht mehr richtig.  Ich denke über Sachen nach, die ich hier lassen und die ich mitnehmen werde. Ich brauche mehr Kartons, in die ich all die Dinge schlichten kann, die mich irgendwo ausmachen. Dieses Zimmer, das so viel über mich aussagt, wird bald nur noch wenig über mich zu erzählen wissen. Schon seltsam.

Seit fünf Jahren bin ich ein Fan von Fiddler’s Green, einer Band aus Erlangen, Bayern, die nach eigener Aussage Irish Independet Speedfolk macht.  Alle, die sowohl mich als auch die Band kennen, stimmen größtenteils darin überein, dass es eher seltsam für mich wäre, wenn ich sie nicht mögen würde.
Mein allererstes Konzert war eins von Fiddler’s Green und es sind ihre Konzerte, auf denen ich bis jetzt am meisten Spaß gehabt habe.  Außerdem sind sie einer der Gründe, warum ich angefangen habe, Akkordeon zu spielen.

Ich hatte ihre neue CD, Sportsday at Killaloe,  auf Amazon bestellt, aber weil sie eine Woche gebraucht hat, um zu mir zu kommen, hatte ich sie beinahe vergessen. Dann habe ich mich außerdem geradezu vorbildlich zurückgehalten und erst meine Facharbeit zu Ende geschrieben, bevor ich sie angehört habe.
  Drei Songs haben sie gebraucht, diese Jungs (ich kann mir nicht helfen, ich muss sie einfach Jungs nennen, obwohl sie so im großen und ganzen so alt sind wie einige meiner Lehrer, von denen einige sie sogar persönlich kennen), und sie haben mich komplett von sich überzeugt, wieder einmal. Die Songs auf dem neuen Album sind so unheimlich vertraut, dass sie mich zum Grinsen bringen und so herrlich, dass es mich nicht auf dem Stuhl hält. Sie sind neu, sie sind fetzig und gleichzeitig so very Fiddler’s Green! (Ich kann’s gar nicht anders ausdrücken…) Sie machen mich so glücklich, dass mein Herz schmerzt, ich weiß nicht einmal genau, wieso. Vielleicht ist es so, weil ich sie liebe, sogar jetzt schon.

Meine Mitschüler sind der Meinung, ich könne Dramen und Gedichte nicht vorlesen; dem stimme ich voll und ganz zu.

Ich bin nicht imstande, ein Gedicht einfach nur vorzulesen, ich muss es vortragen. Gut, meine Stimme ist sehr hoch und etwas piepsig, ich neige zu übersteigertem Enthusiasmus und bin ab und zu übertrieben pathetisch. Aber immerhin leiere ich nicht, ich spreche.
  Was ich auch zugeben muss, ist, dass ich in gewissem Maße einfach zu sehr Schauspielerin bin. Ich sehe vor mir ein Gedicht und ich kann mich einfach nicht zurückhalten, ich MUSS einfach eine Interpretation abgeben. Ich finde, das bin ich dem Autor schuldig. Ja, ich gebe zu, das ist auf die Dauer bestimmt nervig. Trotzdem bringe ich es einfach  nicht übers Herz, ein Gedicht totzulesen, für niemanden. Und so muss ich mir denn von Leuten, die nicht fähig sind, mir dabei direkt ins Gesicht zu sehen, anhören: “Kann desnet (sic!) die Anna vorlesen? Die liest immer so komisch.” Und ich denke bei mir: “Ach, und deshalb muss ich mir anhören, wie ihr dieses herrliche Werk kaputt lest, ihr grässlichen Menschen?”
  Denn schließlich würde ich mich ja nicht so aufregen, wenn ich nicht mit ein paar Exemplaren der Gattung Sonore-Stimmlage-Leser gesegnet wäre. So wird also “Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort” von Rilke oder die “Ballade des äußeren Lebens” von Hofmannsthal zur Geißel meines Schönheitsempfinde´ns und meiner armen Nerven. Ich leide unter schlechten Vorlesern und das meine ich sehr ernst.

Manchmal frage ich mich, wozu Regieanweisungen eigentlich gut sind. Der Autor schreibt etwas wie mit starkem Gefühl und was passiert? Jemand liest einen Monolog voller innerer Bewegtheit einfach vor. Ohne jede Regung. (Halt, nein, ich korrigiere mich: Sollten in dem Monolog unübliche Fremdwörter sein, wird ein einziges Gestammel daraus.) Wozu haben wir denn bitteschön fast 13 Schuljahre Deutschunterricht absolviert? Soll denn der Besuch eines humanistischen Gymnasiums darin resultieren, dass man am Ende nicht einmal fähig ist, ein Gedicht richtig vorzutragen? Oh, aber ich habe schon bemerkt, dass man im bayerischen Schulwesen allzu großer Begeisterung mit Misstrauen begegnet. Genau hier aber liegt mein Problem: Ich bin eine laute, eine überschwengliche Person. Ich bin nicht dafür gemacht.
  Aber so viel verlange ich ja gar nicht. Ich hätte nur gerne ein klein wenig Anteilnahme an der SChönheit, die Lyrik uns vermitteln kann, wenn man es nur zulässt und ich sehe hier die Schule eindeutig in der Verantwortung, den Schülern genau das nahe zu bringen. Wir Menschen, die wir jeder für sich einen eigenen wandelnden Kosmos von Gedanken und Gefühlen verkörpern, wir haben nur die oft allzu dürftige Sprache, um den Abstand zwischen unseren Welten zu überbrücken. Ohne einen passenden Vorträger ist ein Gedicht nur ein Rohdiamant, und nicht das funkensprühende Juwel, das es sein könnte.
  Unterdessen verbleibe ich in der bitteren Gewissheit, das Nietzsche sehr richtig lag, als er sagte, der beste Weg, eine Jugend zu verderben, sei, ihnen beizubringen, den Gleichgesinnten höher zu schätzen als den Andersdenkenden. In dieser Hinsicht hat jemand bei uns in Hofe gute Arbeit geleistet. Uns bleibt nur, zu hoffen.

Am Wochenende ist mir was passiert; es war ein winzigkleines Wunder.
Ich hatte an eine sehr alte Freundin aus der Grundschule gedacht, die ich seit fast zehn Jahren nicht mehr gesehen habe, schon eine Weile vorher. Ich weiß gar nicht genau, warum ich an sie denken musste. Ich hatte lange nicht mehr an sie gedacht. Am Wochenende beschloss ich also, meinen Schreibtisch aufzuräumen. Dabei fand ich eine Menge Zettel, auf denen die Telefonnummern irgendwelcher Bekannten standen. Und ich hatte genug davon.  Also suchte ich mir ein neues Adressbuch, schrieb alles auf, und machte mich daran, mein altes Adressbuch – das ich so gut wie nie benutzt hatte – auszumustern.

Da fand ich sie dann, ihre E-mail Adresse: Das Wunder.
Ich habe ihr dann auch geschrieben. Jetzt warte ich auf Antwort.

Ich bin sehr freigiebig mit dem Begriff “Wunder”. Ich verteile ihn sehr schnell. Jedes noch so kleine Ereignis, alle Dinge, die ich nicht wirklich verstehe, sind für mich Wunder. Zum Beispiel CDs.  Ich weiß, wie diese ganze Sache technisch abläuft, aber es ist für mich immer noch ein Wunder, dass von einer kleinen Scheibe Musik kommen kann.
Meiner Meinung nach ist das ja etwas Gutes: Ich bin in der Lage, ein Stück näher an die Welt zu kommen, an die eigentliche Schönheit der Dinge. Meine Englischlehrerin hat mal gesagt, dass Künstler in ihrer eigenen Welt lebten und deshalb schnell den Bezug der Realität verlören. Diese Ansicht teile ich ganz und gar nicht. Ich glaube vielmehr, dass Künstler die wahre Schönheit der Dinge erkennen können, all diese Wunder sehen können, die diese Dinge ausmachen. Menschen, die ihre Umgebung mit staunenden Augen betrachten können, sehen können, wie viele Wunder darin enthalten sind, gewinnen ihr mehr ab, als die Leute, die in allen Dingen nur ihren Nutzen sehen, denke ich. Ein Ding als Wunder zu betrachten, bedeutet nämlich, es als eigenständiges Objekt zu sehen. Diese unsere Welt ist voll von Wundern, für diejenigen, die mutig genug sind, sie anzusehen.
Ich will nicht, dass es mir so ergeht, wie der Person in dem Lied von Wir sind Helden.

“Hüten sie sich vor Schriftstellern! Nicht nur, dass es Monstren sind, – alle Künstler sind Monster, samt und sonders – sie stehlen auch schamlos, alles was wir sagen. Kein Gentleman würde so etwas tun! nehmen Sie sich in Acht, achten Sie auf alles, was Sie in Gegenwart eines Schriftstellers äußern. Schriftsteller sind wie Elstern: Alles was einen geistreichen, kultivierten Klang hat (sei es Äußerung oder Anekdote; manchmal reicht schon eine kleine Geste) werden sie sich merken, und es in irgendeiner Form für ihre Zwecke verwenden. Sit stückeln ihre Geschichten aus kleinsten Fitzelchen der Wirklichkeit zusammen.
Das Schreckliche daran ist, dass gerade dieses unverschämte Verhalten ihnen den Erfolg beschehrt. wir alle haben schon zumindest den Anfang eines schlechten Buches gelesen und uns schaudernd gefragt, wie jemand etwas so unglaubwürdiges schreiben kann.

Trotz allem  bin ich nicht gewillt, mein Leben kostenlos preis zu geben!”

Ha! Habe soeben meinen Seitenkopf selbst gestaltet. Nachdem ich mich ungefähr eine Stunde lang mit dem, was ich eigentlich machen wollte (eine Illustration,  die ich jetzt noch mal einscannen muss  und für die ich etwa zwei Monate gebraucht habe…) vergeblich mit dem Programm von WordPress rumgeschlagen habe, ist es jetzt ganz anders geworden, als ich mir das vorstellte.  Aber auch sehr stimmungsvoll, was ich da in zehn Minuten mit Gimp und einem älteren Foto von mir da angestellt habe, finde ich.

“Ramshackle Magic” heißt so viel wie “Buntscheckige Magie”. Klingt aber komisch auf Deutsch, finde ich. Eignetlich hätte ich nämlich lieber einen deutschen Titel für meinen Blog. (Immer diese Anglizismen!)
Schließlich und endlich liebe ich meine Muttersprache, trotz ihrer schrecklichen Ungenauigkeit im Vergleich zum Englischen. Aber manche Dinge kann man nur in einer einzigen Sprache richtig gut klingen lassen.

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