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Playmobil

Jeden Tag fahre ich am “Playmobil Fun Park” vorbei. Ich mache FSJ in einem Kindergarten unweit von Zirndorf auf dem Land und der Bus fährt jeden Tag daran vorüber.
Früh morgens ist dieser Komplex ganz leer, und man kann hineinsehen. Drinnen arbeiten schon ein paar Leute (das Ding macht erst um neun auf), die, umgeben von schulterhohen Plastikfiguren sich auf den Ansturm der Besucher vorbereiten. Jetzt, während der Ferien scheinen dort viele Menschen hinzuwollen. Ich sehe sie, wenn sie am Nachmittag einsteigen, Erwachsene in der Begleitung von Kindern, die sich an großen Tüten festklammern oder einzelne Playmobil-Teile in der Hand halten.  Die Erwachsenen sind oft etwas gereitzt, als wären sie es nicht gewöhnt, mit dem Bus zu fahren (wahrscheinlich sind sie es auch nicht, haben nur versucht die grässlichen Parkplatzverhältnisse zu umgehen – es ist nachmittags immer alles vollgeparkt). Es gibt sogar ein Hotel, habe ich heute festgestellt. Dieser ganze Aufwand geht mir nicht in den Kopf. Als einziges Resultat des Besuches dieses “Funparks” sehe ich den Kauf riesiger Mengen Playmobil. Warum sollte man an so einem Ort auch noch übernachten wollen? Aber gut, ich habe auch den Reiz von Disneyland nie verstanden. Außerdem finde ich Playmobilfiguren gruselig. Besonders wenn sie größer sind als die normalen fünf oder sechs Zentimeter. Denn die riesenhaften Playmobilfiguren (die, wie ich finde, in 1,20 bis 1,40 m, so genau bin ich mir nicht sicher, irgendwie grotesk aussehen) beschränken sich durchaus nicht auf das Gelände des “Funparks”:  Erst einmal sind da die Wegweiser, an der Straße, die wie ich glaube, eine Bundesstraße ist, aber fragen Sie mich nicht, welche. Sie bestehen aus Schildern, die die Entfernung zum “Funpark” angeben, auf denen eine etwa dreißig Zentimeter große Playmobilfigur angebracht ist. Dann kommen die riesenhaften Playmobilfiguren hinzu, die man überall in der Umgebung in, vor oder neben Geschäften oder Restaurants finden kann. Für mich sind sie immer ein überraschender und surrealer Anblick. Ich habe mich nie mit Playmobil anfreunden können. Als ich ein Kind war, war die einzige Gelegenheit, mit Playmobil zu spielen bei meiner Nachbarin und zugleich besten Freundin. Sie und ihre Schwester hatten viel Playmobil, soweit ich mich erinnere, wir hatten keins. Aber ich kann mich entsinnen, dass ich die Figuren damals schon komisch fand. Hauptsächlich fand ich sie doof, weil sie einen so dümmlichen Gesichtsausdruck hatten und man ihnen nie etwas anderes anziehen konnte.  Das ganze Drumherum war das, was mich an Playmobil immer faszinierte. Ich war schon als Kind versessen auf Kinkerlitzchen und die ganzen Tiere, die es da gab, die Pflanzen und die Einrichtungsgegenstände, das Zubehör war für mich immer interessanter als die eigentlichen Figuren.
Heute arbeite ich in der Krippengruppe, da haben wir zwar die Figuren, schließlich kann man da keine Kleinteile verschlucken, aber eben diese Kleinteile, das, was für mich den Reiz ausmacht,  befinden sich bei den größeren Kindern. Ich kriege sie selten zu Gesicht. Wenn ich sie sehe, muss ich kurz lächeln, denn auf irgendeine Art und Weise fanzinieren sie mich auch heute noch. Fahre ich jedoch am “Playmobil Funpark” vorbei, überkommt mich ein seltsames Gefühl, das fast ein Schaudern ist. Der Reiz an der ganzen Geschichte bleibt mir, wie gesagt, verborgen, was sie extrem abstrakt für mich macht. Ich komme mir beinahe wie ein Alien vor, der eine fremde Kultur entdeckt, und durch ihre merkwürdigen Sitten beinahe unangenehm berührt ist.  Seltsamer Weise berührt mich die Tatsache, dass ich es nicht verstehe, ebenfalls seltsam, als wäre es etwas Essentielles, das alle außer mir instinktiv verstehen.
Aber während ich noch darüber nachdenke – und ich denke oft darüber nach, da ich ja auch oft am corpus delicti vorbeifahre – überquert der Bus die Rednitz. Dort, an einem Bach, der zu schmal ist für Landkarten, der vielleicht auch nur ein Abwasserkanal ist, steht ein Zwischending aus Laube und Baumhaus ohne Baum, wie gemacht für braungebrannte, fröhliche Kinder. Und dieses Häuschen erscheint mir jedesmal interessanter und erstrebenswerter als alles Playmobil.

Vornweg würde ich gern sagen: Ich bin sonst nicht der Typ Mädchen, der Weihnachten mit viel Flitterkram begrüßt. Ich mag Weihnachstlieder. Ich bin der Meinung, dass man vor Totensonntag aber keine singen sollte und auch keinen Weihnachtskram auspacken. Aber Etienne schafft’s immer wieder…

 

  “Fröhliche Weihnachten!”, Eteinne strahlt, die kasse klinelt. Heiligabend ist da, hat sich purdig weiß herangeschlichen und alle Welt braucht in letzter Minute noch ein Geschenk. Es geht hoch her im Buchcafé Freiheit.
  “Gib mir doch bitte mal das Geschenkband.”, Eule klingt gestresst. Die Stammkunden – die Nachzügler, alle Jahre wieder die selben – wolle alle, dass er ihre Geschenke einpackt: Darin ist er Meister. “Danke. Sag, Etienne, was machst du heute noch so?” Etienne lächelt. Er ist glücklich, denn es ist Weihnachten.
  “Ich fahre nach Lilles, zu meinen Eltern. In Frankreich  geht es ja erst morgen richtig los mit Weihnachten.”
  “Stimmt ja, du bist ja Franzose! Hatte ich ganz vergessen. Hach, dann gibt es bestimmt unglaublich gute Sachen zu essen.”, seufzt Eule verzückt. Etienne scannt die Gesamtausgabe von C.S. Lewis’ Chroniken von Narnia und lacht. Er hat eine äußerst angenehme Stimme.
  “Ja! Meine mamie, meine Großmamá kocht für uns. wir fahren alle gemeinsam zu ihr, meine Eltern, meine Schwestern und ich. Sie wohnt auf den Land. So. Fröhliche Weihnachten!”, er reicht eine große Papiertüte mit dem Aufdruck FREIHEIT! über die Theke. Der weiße Tag draußen strahlt durch das Fenster hinter ihnen, weißes Licht tanzt über seine rötlichen Locken.
  “Etienne!”, ruft Mina, die kellnerin herüber, die frisch gestärkte weiße Schürze leuchtend wie Phosphor, das Tablett unterm Arm. “Kannst du kurz hoch in die Küche? Der Baumkuchen ist aus!”
  “Klar doch.”, lächelt er zurück, winkt die Aushilfe herüber und läuft los in den zweiten Stock. An Tagen wie diesen, wenn es besonders hoch hergeht, ist mit Sarah, der Köchin und Konditorin, nicht zu spaßen. Aber Etienne ist ihr Liebling und macht sich deshalb keine großen Gedanken.
  “Sarah! Ma chére, gibt’s noch Baumkuchen?”
  “Etienne!”, stöhnt sie, als sie ihn sieht. Die Küche ist nicht so sehr groß, aber es ist ziemlich heiß darin. “Ja, ja, es ist noch was da. Wer bin ich, dass ich an Heiligabend nicht genug Baumkuchen mache, hm? Gott, so viel Arbeit immer und das für diesen Hungerlohn!”, empört sie sich, richtet den großen Kuchen – Baumstumpf – er wirkt täuschend echt – auf einer Platte an und reicht sie Etienne. Der lacht nur. Er weiß, dass Sarah nicht schlecht verdient, aber er weiß auch, dass sie gern lamentiert. Beschwingt tritt er den Rückweg an, ein englisches Weihnachtslied auf den Lippen. Bei seiner Ankunft am Café-Tresen geht ein leuchten der Vorfreude über die Gesichter der wartenden Kunden. Er wird mit großem Hallo und viel Aufhebens von den Kellnerinnen begrüßt. Kaum hat er seinen Kuchen abgeliefert, wird er auch schon wieder angesprochen, von einer jungen Frau diesmal.
  “Entschuldigen Sie… ich suche ein buch für ein Kind… Können Sie mir vielleicht helfen?”
  “Aber selbstverständlich.k Kommen Sie, die Kinderbücher sind im ersten Stock. Wie alt ist das Kind denn?” Sie wirkt zerstreut, runzelt die Stirn, fährt sich durch die kastanienfarbene Mähne. Es sieht so aus, als wäre sie wirklich erst in allerletzter Sekunde losgegangen, denn sie ist sehr festlich gekleidet: Unter ihrem Mantel scheint sie ein Kleid oder einen Rock zu tragen, der Saum blitzt kess hervor. Ihre Beine stecken in edel gemusterten Strumpfhosen und hochhackigen Pumps von Chanel.
  “Ja… also, ich glaube, sie wird jetzt sechs…”
  “Geht sie schon in die Schule?”
  “Nein, noch nicht.”
  “Gut, dann also etwas zum Vorlesen.  Ein Bilderbuch vielleicht? Hier, Petterson und Findus, die sind fantastisch.”
 ”Hm, also ich weiß nicht… sie hat davon schon so viele…”
  “Ah, ich verstehe. Dann gäbe es da noch Mama Muh. Vom selben Autor. Für diese Jahreszeit kommt natürlich nur “Mama Muh fährt Schlitten” in Frage.”, er zieht das Buch aus dem Regal und präsentiert es ihr wie ein wertvolles Schmuckstück. Die junge Frau ist erleichtert.
  “Kann ich das auch einpacken lassen?”
  “Natürlich.”, antwortet Etienne lächelnd und überreicht es ihr feierlich. Sie zieht damit ab, zufrieden mit sich und der Welt und Etienne stellt sich mit einem grinsen vor, wie Eule sie fragen wird:
  “Und für wen soll ich draufschreiben?”, und sie antwortet: “Äh, also ich glaube, sie heißt… Lassen Sie mal, ich mach das schon selbst.”

Als meine Eltern mir zum 19. Geburtstag einen dicken Bildband über Bob Dylan schenkten, wurde es mir bewusst: Ich bin schon eine ganze Weile secretly in love with Bob Dylan. Eigentlich mache ich das ja nicht, einfach englische Satzteile einbauen, wenn ich gar nicht auf Englisch schreibe, aber dieser Satz kam auf Englisch zu mir und ich kann ihn auf Deutsch nicht ausdrücken, aus irgendeinem Grund. Nur soviel dazu.
Mein Vater ist ein großer Fan von Bob Dylan, schon seit ich denken kann. Den ersten Song von Bob  hörte ich in der Badewanne, aber das ist nur das erste Mal, dass ich mich wirklich daran erinnern kann.  Ich habe meinen Vater im Verdacht, mir schon als ich ein Baby war diese Songs vorgesungen zu haben. (Ich war nur durch Herumtragen und Vorsingen zu beruhigen, auch etwas, woran ich mich nebulös erinnern kann.) Wenn meine kleine Schwester und ich im Vorschulalter badeten, saß meistens ein Elternteil daneben und passte auf uns auf. War es mein Vater, spielte er Gitarre und sang und wir lernten alle seine Lieder auswendig. Im zarten Alter von sechs Jahren konnte ich den gesamten blutrünstigen Text des Sabinchenwalzers auswendig und soll den auch auf den Spielplatz gesungen haben, was meiner Mutter einige schräge Blicke eingehandelt haben muss. Also konnte ich auch “Blowing in the wind” bevor ich überhaupt wusste, was die Worte bedeuteten.

Mit “Blowing in the wind” ging es dann auch weiter: Weil mein Vater Gitarre studiert hat und sich etwa fünf Gitarren im Besitz meiner näheren Verwandtschaft befanden (mittlerweile könnten es sogar mehr sein), wollte ich auch Gitarre spielen; das erste Lied das ich lernte, war dieses Lied. Daraufhin (ich war ungefähr dreizehn) wollte ich herausfinden, wer das eigentlich war, dieser Bob Dylan, von dem wir so viele Schallplatten und auch ein paar CDs hatten.  Und so fing meine Liebesgeschichte an.

Seitdem habe ich ein paar Schätze zusammengetragen, unter anderem ein Songbook aus den siebzigern (glaube ich zumindest) mit einem lustigen uralten Brief, der aussieht, als habe ihn Lincoln einer Kriegswitwe geschrieben.
Besonders gern mag ich die langen, verwickelten Folksongs voller Bilder und merkwürdiger Andeutungen, die Bob Dylan am Anfang seiner Karriere geschrieben hat.  Auch wenn Bob Dylan nicht wirklich singen und am Anfang nur bedingt Gitarre spielen kann: Er hat eine ungewöhnliche, herrliche poetische Ausdruckskraft, die sich in späteren Songs meiner Meinung nach durch die abgefahrene Instrumentierung etwas verliert. Und es gibt da ein paar wirklich abgefahrene Sachen, zum Beispiel Aufnahmen von seinem Konzert at Budokan Hall in Japan. Diese neueste Platte von ihm, “Modern Times” habe ich gar nicht gehört. Wie gesagt, ich mag vor allem die Sachen aus den sechzigern. Aber ich mag ihn, no matter what.

Hallo Herbst

Der Sommer ist eindeutig vorbei. Gestern, ja, da war es eindeutig noch August bei uns, komplett mit strahlenden Sonnenschein und knallblauem Himmel. Aber man hat schon gemerkt, dass es Spätsommer war; das Licht war anders. Weicher war es und es hatte einen anderen Winkel.
Heute ist es hier diesig und kalt. Vormittags hat es geregnet und das alles schlägt mir ziemlich aufs Gemüt. Noch habe ich Ferien, aber die kommen mir dieses Jahr kurz und schwer fassbar vor. Vielleicht ist das so, weil ich jetzt bald das Ziel erreichen werde, für das ich 12 Schuljahre lang aufs Gymnasium gegangen bin. Irgendwie ist das schon komisch…

“There’s money lenders inside the temple
that circus tigers gonna break your heart
something so wild turned into paper
If I loved you, well that’s my fault

-Conor Oberst (Lenders in the temple)

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